Neumünster – unzensiert

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Ich bin mal wieder unterwegs: Mit der Bahn geht’s quer durch Norddeutschland. Doch während der Fahrt kippte die Stimmung im Wagen plötzlich. Obwohl es schon dunkel war, hatte ich das Gefühl, der Himmel würde noch schwärzer. Die wenigen alten Männer im meinem Wagen – mit ihren vernarbten Gesichtern sicherlich Veteranen dieser Strecke – runzelten die Stirn, als würden sie das Schlimmste befürchten. Kurz darauf verkündete der Lautsprecher schnarrend die niederschmetternde Nachricht: „nächster Halt: NEUMÜNSTER“.

Die kleinen Kinder im Wagen fingen an zu weinen, den älteren hielten ihre Mütter die Augen zu.  Der Rest wandte sich verängstigt vom Fenster ab und schloss  die Augen. Da ich gestern schon in Neumünster gewesen war, glaubte ich, einen Blick riskieren zu können und blickte zögernd nach draußen.

Voll Faszination und Entsetzen war ich unfähig, wieder wegzusehen. Es schien, als wollten sich die Stadtplaner Aristoteles Prinzip der Katharsis zu Nutze machen: die Läuterung des Betrachters durch die Verbildlichung schaurigster Szenarien. Die ersten toten Pflanzen wurden vom Wind über die Gleise getrieben, ein dreibeiniger Hund humpelte den Bahnsteig entlang. Doch die Hoffnung auf eine seltene Beobachtung brachte mich dazu, auf die vorbeihuschenden Wesen zu achten: Unzählige Legenden ranken sich um die besonderen Geschöpfe, die sich hier angeblich heimisch fühlen.

Zu meiner großen Enttäuschung bekam ich nichts derartiges zu Gesicht. Ein erleichtertes Seufzen geht durch den Zug, als er sich endlich wieder in Bewegung setzt. Rettung naht: „nächster Halt Elmshorn“.

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